Zuckerrohr und Sklaverei

Zuckerrohr und Sklaverei in Brasilien


Sklaverei, eine vergessene Vergangenheit

Brasilien hatte in seiner kurzen Geschichte seit der Entdeckung vor 500 Jahren nur 100 Jahre lang keine Sklaverei. Nicht berücksichtigt werden dabei die ersten 50 Jahren der Inbesitznahme und Eroberung des Riesenlandes. Im Jahre 1817 hatte Brasilien 3,6 Millionen Einwohner und 1,9 Millionen Sklaven, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Im Jahr 1850 war die Zahl der Sklaven bereits auf 3,5 Millionen angewachsen. Insgesamt wurden aus Afrika 4 Millionen Menschen versklavt, fast die Hälfte des gesamten amerikanischen Kontinents.
Mit den oben genannten Zahlen kann festgestellt werden, dass Brasiliens Entwicklung und Wirtschaft auf Sklavenarbeit gründet. Nur allein in Rio de Janeiro, zwischen den Jahren 1790 und 1830 erreichten 700.000 Sklaven mit etwa 1600 Schiffe das Land.


In Brasilien wird heute nicht viel über die Sklaverei geredet, es scheint so, dass es eine stillschweigende Übereinkunft gibt, dieses Kapitel der Geschichte zu ignorieren.


Wie alles begann

Im Jahre 1546 waren bereits 76 Sklaven in der portugiesischen Kolonie.

Seit 1448 existierte ein regelmäßigen Handel mit Sklaven in Portugal. In Brasilien versuchten die Portugiesen erfolglos die Indianer zu versklaven. Tatsache ist, dass die Zuckerproduktion erst mit der Ankunft der afrikanischen Sklaven nach Brasilien begann. Im Jahre 1590 waren es bereits 36 000 Sklaven.

Die Sklavenhändler kauften, raubten Menschen oder tauschten Gefangene für Mehl, Bohnen, Trockenfleisch, Rum, Tabakrollen, Salz, Reis, Textilien, Schusswaffen, Messer, Rasiermesser und sogar Spiegel und Schmuckstücke.

Hauptsächlich in der Landwirtschaft wurden zunehmend Sklaven für die Ernte von Zuckerrohr und der Verarbeitung in den Zuckerfabriken benötigt. Kaffeeplantagen erlebten ebenfalls ein beeindruckendes Wachstum durch die Sklaverei.


Zuckerrohr und Sklaverei in Brasilien

Die beschwerliche Reise

In den Sklavenschiffen wurden 440 Sklaven eingepfercht und die Überquerung des Atlantik dauerte etwa 43 Tage. Die Geschichte der Sklavenschiffe ist ein bewegendes Epos von Schmerz und Verzweiflung der schwarzen Rasse: Männer, Frauen und Kinder wurden in dunklen Schränken verschifft. Hunger und Durst, Hand in Hand mit Krankheit und Tod waren Alltag im profitablen Geschäft der Ware Arbeitskraft.

Die Sterblichkeit der Sklaven auf diesen Reisen lag bei 6 bis 9%, die Todesursachen waren Krankheiten, Missbrauch, unzureichende Ernährung, Überbelegung der Schiffe. Der Negativ-Rekord des Todes war im Jahre 1811, auf der Straße zwischen Cabinda und Rio de Janeiro, dort verloren 121 der 667 Sklaven ihr Leben.

Es war ein langer Weg aus den afrikanischen Wäldern und Savannen in das Innere von Brasilien in die Sklaverei der Zuckerrohrplantagen in Rio, São Paulo und Minas Gerais.

Die Sklaven in Brasilien, sie waren nicht alle gleich und einig. Sie kamen aus verschiedenen Ländern und Stämmen, hatten unterschiedliche Sitten und Sprachen. Es gab die Rivalität unter Sklaven, die von dem weißen Mann gefördert wurde, denn er war nicht daran interessiert, ein gutes Verhältnis und Verständigung zwischen Schwarzen zu dulden. Deshalb dauerte es einige Zeit, bis sich wirklich der schwarze Sklave gegen den weißen Unterdrücker auflehnte.


Strafen

Geschützt durch einen brutale Gesetzgebung, sie erlaubte Strafen, Sanktionen und Misshandlung von Sklaven. Bauern und Plantagenbesitzer hatten das Recht darauf, sie misshandelten, missbrauchten, peitschten, fesselten sie mit Eisenketten an den Pranger, zwangen sie Halsketten aus Eisen zu tragen, als Bestrafung bei Fluchtversuchen, etc.. Nach der ersten Flucht, war die Bestrafung fünfzig Peitschenhiebe und die zweite wurde mit hundert geahndet, wie das Gesetz es befahl und es forderte um den Hals einen Eisenring für drei Jahre.

Freiheitsentzug, Zwangsarbeit und schwere Strafen sind nur einige der Gründe, welche die Sklaven zum Aufstand führte. Die ersten Sklavenaufstände gab es in Bahia, Salvador und in der Reconcavo Baiano. Nach dem Aufstand der Männer im Jahr 1835, waren die Straßen von Salvador blutig.


Zuckerrohr und Sklaverei in Brasilien


Im Jahr 1807 schaffte Britannien seinen Sklavenhandel ab und begann, den Handel mit anderen Ländern, darunter Portugal zu unterdrücken. Um die Unabhängigkeit von Brasilien anzuerkennen, forderte die englischen Krone ein Ende des Sklavenhandels und Brasilien unterzeichneten ein Abkommen im Jahr 1827 und versprach, die Sklaventransporte mit Schiffen zu beenden. Aber das Abkommen wurde nicht eingehalten und der Menschenhandel bis 1850 fortgesetzt. Die Bewegung zur Abschaffung wuchs und mit dem “Goldenen Gesetz” wurde am 13. Mai 1888 die Sklaverei in Brasilien per Gesetz beendete.
Was geschah mit der “schwarzen Bewegung”? Die Sklaven waren ein wenig verloren, sie wussten nicht, was sie mit der lang erwartete Freiheit tun sollten. So war es nicht verwunderlich, dass viele von ihnen weiter arbeiteten, an der gleichen Stelle, in einer Halb-Sklaverei. Andere überfüllten Mietskasernen und die Hügel am Rande der Städte. Das Ergebnis ist heute für die ganze Welt zu sehen…


Der heute noch vorhandene Rassismus in Brasilien erklärt sich auch mit der Sklaverei, bzw., was nach der Abschaffung folgte. Die Sklaverei war die Grundlage, mit der die Zivilisation gegründet wurde. Sklaverei hat eine Unempfindlichkeit geschaffen, eine Prägung an der Wurzel der sozialen Klassen. Sie sind sich selbst überlassen. Sicherheit, Schule und Gesundheit, alles ist privatisiert.


Brasilien ist nicht das einzige Land in der Welt, was versucht, bestimmte Ereignisse der Vergangenheit zu vergessen. Das Erstaunliche ist, dass nur über die jüngste Vergangenheit geredet wird. Aber das wichtigste, das anhaltende Bewusstsein, wer sie sind, bleibt unberührt, ohne eine genauere Vorstellung zu erlangen von den Ereignissen, die etwas über die Existenz aussagt, ohne zu wissen, woher sie kommt und wohin sie geht.


Kolonialware Zucker

Zucker aus Zuckerrohr war lange Zeit eine begehrte Handelsware aus den europäischen Kolonien, die durch Sklavenarbeit teuer erkauft wurde. Nach der Entdeckung Amerikas wurde Zuckerrohr in Brasilien eingeführt. In der Folge errichteten europäische Handelsgesellschaften dort  große Zuckerrohrplantagen, die durch Sklavenarbeit unterhalten wurden.

Da Zuckerrohrplantagen wesentlich arbeitsintensiver als Kaffee- oder Baumwollplantagen waren, wurden hier besonders viele billige Arbeitskräfte benötigt. Der Ende des 17. Jahrhunderts aufgenommene transatlantische Dreieckshandel schiffte Sklaven, die zuvor gegen europäische Waren getauscht worden waren, von der Westküste Afrikas nach Amerika. Die Sklaven wurden dort gegen Zucker und Rum an Plantagenbesitzer verkauft. Diese Zuckerrohrprodukte wiederum kurbelten die industrielle Produktion von Fertiggütern in Europa an. Der Dreieckshandel war eine der Grundlagen der industriellen Revolution in Europa, entstanden hierdurch doch eine Kapitalanhäufung und ein umfassendes Kreditwesen, das industrielle Entwicklung finanzieren konnte.

Die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen war hart und die Behandlung der Sklaven grausam. Zyniker meinten, es sei billiger, neue Sklaven zu kaufen, als diese aufwändig zu ernähren. Die Arbeitszeit betrug während der Zuckerrohrernte bis zu 18 Stunden täglich. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Sklaven lag bei 26 Jahren. Der französische Missionar und Plantagenbesitzer Jean-Baptiste Labat merkte bereits um 1700 an, es gäbe kein Fass Zucker, an dem nicht Blut klebte.


Schuften bis zum Umfallen

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 03.03.2008)

„Dies ist bereits mein viertes Jahr als Zuckerrohrschneider hier in Guariba in der Region Ribeirão Preto“, sagt José Raimundo da Silva Rocha. „Die Arbeit ist hart. Aber bei uns zu Hause in Maranhão gibt es gar keinen Job, hier können wir Geld verdienen.“ José ist klein, bullig und muskelbepackt, mit seiner Tätowierung und seiner Baseball-Mütze sähe er fast gefährlich aus, würde nicht eine schwarze Holzperlenkette mit einem Jesus-Amulett um seinen Hals baumeln. „Ich werde noch sechs Jahre auf dem Zuckerrohrfeld arbeiten, danach werde ich es nicht mehr schaffen.“

José verdient für einen Monat Zuckerrohrschneiden um die 900 Reais (ca. 380 Euro). 70 Reias zahlt er für sein Bett im Schlaflager, wo er die Küche und die Waschmaschine mitbenutzen darf. „Ungefähr 300 Reias kann ich jeden Monat zu meiner Familie nach Maranhão schicken“, sagt er. Um ihn haben sich die Neuankömmlinge aus dem armen Norden Brasiliens geschart, die von Arbeitsvermittlern in den reichen Süden des Landes gebracht worden sind, um dort auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.

Drei Tage sind sie in einem Bus gesessen, für die Fahrkarte haben sie 200 Reais (ca. 90 Euro) bezahlt. Der Jüngste ist 19 Jahre alt – das Einstiegsalter für einen Zuckerrohrschneider. Die große Mehrheit der Zuckerrohrernter ist zwischen 19 und 35 Jahren alt, danach wird die Arbeit für die meisten zu schwer – viele werden krank. Zuckerrohr ist die landwirtschaftliche Grundlage des Biotreibstoff-Booms in Brasilien.

Mit den Arbeitsbedingungen der Zuckerrohrarbeiter beschäftigt sich die Soziologie-Professorin Maria Moraes im rund 100 Kilometer entfernten São Carlos schon seit über 30 Jahren. „In einer Studie habe ich herausgefunden, dass die Lebenserwartung der Zuckerrohrschneider 15 bis 20 Jahre unter der der Durchschnittsbevölkerung liegt“, erklärt sie. „Der Vorarbeiter treibt sie erbarmungslos an, ihnen wird keine Pause gewährt. Erfüllt jemand nicht den täglichen Soll von zehn bis 15 Tonnen Zuckerrohr, wird er einfach gefeuert.“ „Kurz vor der Ernte werden die Zuckerrohrfelder angezündet, um sie besser bearbeiten zu können. Die Arbeiter atmen die giftige Asche ein, die Hitze lässt ihre Körper ermüden, und der enorme Leistungsdruck bringt sie an ihre körperliche Leistungsgrenze“, erklärt Moraes. „Das ist eine Arbeit, die kein Mensch machen sollte. Sie existiert nur, weil sie immer noch billiger ist als die maschinelle Ernte.“


Enttäuschung über Lula

Wilson Rodrigues da Silva, Präsident der Gewerkschaft der Zuckerrohrarbeiter von Guariba widerspricht: „Na klar, ist der Job hart, aber was sollen wir sonst machen? Es gibt für uns auf dem Land keine andere Arbeit.“ Er redet sich in Fahrt: „Wer sind die, die wirklich arbeiten? Wir sind die wichtigsten und gleichzeitig die am wenigsten Geachteten im ganzen Zucker- und Ethanolgeschäft“, donnert Wilson. Seine Sätze, lautstark vorgetragen, wirken wie die Kampfreden, die er sonst vor den Versammlungen seiner Gewerkschaftsgenossen hält.

Wilson hatte große Hoffnungen auf Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva gesetzt. Er hat gedacht, Lula – er war selbst Gewerkschafter – „ist einer von uns“. Aber: „Präsident Lula hat viel versprochen und nur wenig gehalten“, kritisiert Wilson. „Brasiliens Problem ist, dass hier alles falsch ist: Die, die richtig arbeiten, leben in Armut und besitzen fast nichts. Finden sie keine Arbeit auf dem Land ziehen sie in die Städte, wo sie allzu oft auch keinen Job finden. Eine Landreform ist der einzige Weg zu mehr Gerechtigkeit.“